Deshalb wollen die glücklichen Dänen unter sich bleiben

Europareise

Unser kleiner Nachbar im Norden ist bekannt für Gemütlichkeit, hohe Sozialleistungen und einen starken Zusammenhalt. Inzwischen wird aber klar: Das gilt nicht für jeden.

Meine Kindheit schmeckte nach Sahneeis und Lakritze. Wir haben viele Familienurlaube im Westen Dänemarks verbracht. Herbstferien an Stränden zwischen Blåvand und Henne Strand an der Nordsee, auf der Landzunge Thyborøn, bis hoch nach Skagen, der Spitze Jütlands. Mit regenfester Kleidung und Gummistiefeln suchten wir Muscheln am Strand. Dänemarks Nationalsymbol, die Dannebrog mit ihrem weißen Kreuz auf rotem Grund, flatterte am Fahnenmast der Ferienhaussiedlung. Ich aß Hotdogs mit roten Würstchen und fuhr in Zügen aus bunten Plastiksteinchen durch das Legoland in Billund. Mit meinen Erinnerungen bin ich nicht allein. 14,8 Millionen Übernachtungen deutscher Urlauber konnte die dänische Tourismusorganisation im Jahr 2016 verzeichnen. Damit machen die Deutschen den größten Anteil ausländischer Touristen aus.

Dezember 2017. Ich befinde mich wieder auf dem Weg nach Dänemark. Diesmal nicht als Urlauberin. Ich sitze im Zug nach Aarhus, der zweitgrößten Stadt des Landes – und seit September 2017 mein neues Zuhause. An der Universität Aarhus mache ich einen Master in transnationalem Journalismus. Etwas über 3 Stunden dauert die Fahrt von Bremen, bevor der Zug die deutsch-dänische Grenze erreicht. Im Jahr 2001 ist Dänemark gemeinsam mit Schweden, Norwegen, Finnland und Island dem Schengen-Raum beigetreten und hat damit über 5.500 Kilometer freie Fahrt durch Europa ermöglicht. Jetzt ist diese freie Fahrt wieder unterbrochen.

An den Grenzen wird wieder kontrolliert

Im Januar 2016 führte die dänische Regierung temporäre Grenzkontrollen ein. In den vorherigen 2 Jahren hatte sich die Zahl Asylsuchender in Europa verdoppelt. Das geltende Dublin-System besagt, dass EU-Staaten, in die Geflüchtete zuerst einreisen, auch für deren Asylanträge zuständig sind. Damit liegt die Verantwortung hauptsächlich bei den Staaten an den Außengrenzen der Europäischen Union – vor allem Italien und Griechenland stoßen schon lange an ihre Belastungsgrenzen.

Vorbei sind die Zeiten, als für den Umstieg gerade einmal 2 Minuten eingeplant waren.

Bevor der Zug das dänische Grenzstädtchen Padborg erreicht, werden wir Fahrgäste dazu aufgefordert, unsere Ausweise herauszuholen. Vorbei sind die Zeiten, als für den Umstieg gerade einmal 2 Minuten eingeplant waren. Die Gänge des Intercitys füllen sich mit Grenzpolizisten.

Vor Dänemark hatte Schweden Grenzkontrollen wieder eingeführt. Anfang 2018 finden diese temporären Kontrollen immer noch statt. Aber nicht nur in Skandinavien, auch in Frankreich, Österreich und Deutschland schauen Beamte wieder genauer hin, wer ihre Grenzen überquert. Bis Ende Mai soll das noch so bleiben. Offiziell gilt die hohe Zahl von Asylsuchenden auf der Flucht nicht mehr als Grund. Mitgliedstaaten des Schengen-Raums wie Frankreich begründen die Kontrollen inzwischen mit der andauernden Terrorgefahr.

Mit dem Grenzübertritt ist die Hälfte meiner Reise nach Aarhus geschafft. Auch wenn ich selbst keine Probleme bei der Einreise habe, bin ich angespannt. Manche Reisende werden besonders kritisch beäugt, doch in meinem Abteil muss niemand den Zug verlassen. Eine Kommilitonin wird mir einige Wochen später erzählen, wie eine Mutter mit ihrem Baby den Zug verlassen musste, in dem sie gemeinsam saßen. Die Frau war auf dem Weg zu ihrem Mann nach Schweden und hatte keinen Ausweis bei sich.

Das Glück im Land der freiwilligen Steuerzahler

Die Dänen sind so glücklich wie kaum ein anderes Volk der Erde. Seit dem Jahr 2012 erfassen die Vereinten Nationen das weltweite Wohlergehen und Glücksempfinden im UN World Happiness Report. Dänemark rangiert regelmäßig auf den obersten Platzen – zuletzt hinter Finnland und Norwegen auf Platz 3.

Eine wichtige Zutat im Glücksrezept der Dänen ist der gut organisierte Wohlfahrtsstaat: Geht es um die Gestaltung der Sozial- und Wirtschaftspolitik, gilt das »Modell Dänemark« als vorbildlich. Allen Bevölkerungsgruppen werden soziale Rechte garantiert, indem jeder so viel beiträgt, wie er kann. Egalitarismus ist stark verankert im skandinavischen Raum.

Eine wichtige Zutat im Glücksrezept der Dänen ist der gut organisierte Wohlfahrtsstaat: Geht es um die Gestaltung der Sozial- und Wirtschaftspolitik, gilt das »Modell Dänemark« als vorbildlich. Allen Bevölkerungsgruppen werden soziale Rechte garantiert, indem jeder so viel beiträgt, wie er kann. Egalitarismus ist stark verankert im skandinavischen Raum.

  • Berufliche Bildung und ein Universitätsstudium sind kostenlos. Studierende, die nicht mehr zu Hause wohnen, erhalten jeden Monat 6.000 Kronen (rund 800 Euro) und müssen diese Studienbeihilfenauch nicht zurückzahlen. Weiterbildungsmaßnahmen sind häufig umsonst.
  • Kindergärten und Betreuungen nach der Schule werden zu 75% aus Steuergeldern finanziert, wodurch Frauen der (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben erleichtert wird.
  • Für ältere Menschen, die nicht mehr allein für sich sorgen können, gibt es kostenlose Haushaltshilfen; bedürftige Senioren werden finanziell unterstützt. Arztbesuche und Aufenthalte im Krankenhaus sind kostenfrei.

Der Großteil aller sozialen Sicherungen wird aus Steuern finanziert. Die Abgaben entrichtet die gesamte Bevölkerung entsprechend dem Einkommen. Spitzenverdiener geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens an den Staat ab. Die Mehrwertsteuer liegt bei 25%. Doch die Dänen zahlen ihre Steuern gern. Umfragen aus dem Jahr 2015 zufolge befürworten lediglich 6% der befragten Dänen Senkungen des Spitzensteuersatzes. Denn sie wissen, dass sich der Staat kümmert, wenn sie einmal in Not geraten. Das positive Verhältnis der Dänen zu den Abgaben zeigt sich auch darin, wie sie darüber sprechen: »Skat«, das dänische Wort für Steuern, bedeutet gleichzeitig Schatz.

Auch wirtschaftspolitisch ist Dänemark Vorzeigeschüler. Der dänische Arbeitsmarkt ermöglicht Arbeitnehmern Flexibilität. Für Unternehmen ist es attraktiv, sich in Dänemark niederzulassen, denn mit 22% ist die Körperschaftssteuer vergleichsweise niedrig. Gesetzlich festgelegte Beiträge in die Sozialversicherung für Arbeitgeber gibt es nicht und auch Kündigungsfristen sind flexibel. Dänische Unternehmen können leichter auf veränderte Marktbedingungen reagieren. Arbeitnehmer auf der anderen Seite sind abgesichert. Arbeitslose erhalten vom ersten Tag an Arbeitslosengeld; bis zu 90% ihres vorherigen Einkommens für maximal 2 Jahre.

Auch die Hauptstadt Kopenhagen taucht bei Rankings zur Lebensqualität regelmäßig auf den vorderen Plätzen auf. Und hat in Sachen Fahrradfreundlichkeit sogar die Niederländer abgehängt:»Copenhagenization« heißt die Strategie, Städte zugänglicher für Fußgänger und Fahrradfahrer zu machen. 62% aller Kopenhagener fahren bei jedem Wetter mit dem Drahtesel zur Arbeit; Eltern transportieren ihre Kinder in Cargo-Rädern durch die Stadt. Die 600.000-Einwohner-Stadt ist für Fahrräder gebaut – nicht für Autos.

»Hygge« – das dänische Wort für Wohlbefinden.

Damit nicht genug: Seit einigen Jahren ist ein weiteres »Geheimrezept« aus Dänemark zum Kassenschlager geworden. »Hygge« – das dänische Wort für Wohlbefinden. Meik Wiking, Gründer des Happiness Research Institute, erklärt die Glücksformel der Dänen in seinem Bestseller »Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht«. Und der Hype hat auch den deutschen Markt erreicht: Das »Hygge-Magazin«erklärt mit Kochrezepten, Bastelideen und Geschichten, wie es ist, »einfach glücklich zu sein und das Leben zu feiern«.

Für Asylsuchende ist es schwierig, etwas von der dänischen Gemütlichkeit abzubekommen. Seit 2015 hat die dänische Regierung 67 Änderungen in ihrer Asyl- und Migrationspolitik durchgebracht; seitdem hat sich die Zahl der Asylbewerber drastisch verringert: Weniger als 3.500 Menschen haben im Jahr 2017 einen Antrag gestellt.

Für Geflüchtete wird es unbequem im Land der Gemütlichkeit

»Ich sollte stolz und dankbar sein, dass Menschen wie ihr, in Not und Gefahr, in mein Land kommt, um Schutz und Frieden zu finden. Aber die Regierung sieht das anders«, schreibt Michala Bendixen 2015 in einem Beitrag für The Guardian. Damals nannte sie 5 Gründe, warum Asylsuchende nach Dänemark kommen sollten. Dass ihr Heimatland ausländerfeindlich sei, wollte die Leiterin von Refugees Welcome nicht einfach stehen lassen. Denn schon damals wurde die Politik gegenüber Geflüchteten ungemütlicher. Zu den besonders kontrovers diskutierten Maßnahmen zählte eine im September 2015 veröffentlichte Kampagne in libanesischen Zeitungen, Asylheimen und Sozialen Medien, die in 10 verschiedenen Sprachen auf die Verschärfung dänischer Asylpolitik und die Kürzung staatlicher Unterstützung für Einwanderer hinwies.

Michala Bendixen setzt sich seit 11 Jahren für Geflüchtete in Dänemark ein – Quelle: Michala Bendixen

Seit 11 Jahren engagiert sich Michala Bendixen für Geflüchtete; aus dem Ehrenamt ist für die gelernte Grafikdesignerin mittlerweile eine Vollzeitbeschäftigung geworden. Ihre Organisation Refugees Welcome bietet Asylbewerbern kostenlose Rechtsberatung und betreibt Lobby-Arbeit für die Interessen von Migranten in Dänemark. Im Jahr 2014 hat sie der Dänische Rat für Menschenrechte mit einem Preis für ihre Arbeit ausgezeichnet; eine Zeitung hat sie für die Auszeichnung »Dänin des Jahres« nominiert.

»Als ich den Text für den Guardian geschrieben habe, hat die dänische Regierung versucht, ein Signal zu senden. Dänemark ist eines der ersten Länder gewesen, die ihr Asylsystem und die Gesetze zur Familienzusammenführung drastisch verschärft haben – als Reaktion auf die sogenannte Flüchtlingskrise.« Wie die Entwicklung der europäischen Asylpolitik zeigt, ist nicht nur Dänemarks Sozialpolitik Vorbild: Die Verschärfung des Asylsystems hat europaweit Nachahmer gefunden. Die Voraussetzungen für Dänemarks Kurs sind allerdings bereits vor dem Jahr 2015 entstanden; seit dem Aufstieg der Rechtspopulisten Anfang der 2000er-Jahre wird das ursprünglich sehr liberale Asylsystem zunehmend zurückgebaut.

Der Einfluss der Dänischen Volkspartei

Seit den Parlamentswahlen 2001 stehen die Parteien im »Folketing«, dem dänischen Parlament, in Fragen der Asyl- und Migrationspolitik zunehmend unter dem Einfluss der Dansk Folkeparti. Die rechtspopulistische Volkspartei hat bisher nie mitregiert – fungiert aber als Mehrheitsbeschafferin der in Dänemark traditionellen Minderheitsregierungen.

Fast alle Parteien vertreten heute die Meinung, dass Geflüchtete ein Problem seien und vor allem Geld kosten würden.

Und ihre Positionen scheinen durchaus anschlussfähig: »Fast alle Parteien vertreten heute die Meinung, dass Geflüchtete ein Problem seien und vor allem Geld kosten würden. Sie werden als kulturelles Problem gesehen, das wir lieber vermeiden sollten sagt«, Michala Bendixen. Noch vor 10 Jahren sei die Situation eine andere gewesen. »Damals lag der Fokus viel mehr auf dem Bedarf an Schutz und Menschenrechten. Uns war als Land bewusst, dass wir globale Verantwortung übernehmen und uns um Menschen in traumatischen Situationen kümmern müssen.«

Im Jahr 2001 gab es in Dänemark einen politischen Erdrutsch. Zum ersten Mal seit den 1920er-Jahren haben die dänischen Sozialdemokraten nicht mehr die meisten Sitze im Parlament. Bis dahin habe Dänemark eines der humansten und liberalsten Asylsysteme gehabt, erklärt Bendixen. Die neue liberal-konservative Regierungskoalition setzte die meisten ihrer Entscheidungen mit Unterstützung der Dänischen Volkspartei durch, während die linke Opposition bei politischen Richtungsentscheidungen meist außen vor blieb. »Die Dänische Volkspartei hat das ganze Land eingenommen, obwohl sie nie Teil der Regierung gewesen ist«, sagt Bendixen. Seitdem die Dansk Folkeparti das Thema Migration erstmals auf die politische Agenda gesetzt hat, kann es sich keine Partei in Dänemark mehr leisten, sich nicht damit zu beschäftigen.

Als die Sozialdemokraten im Jahr 2011 wieder an die Macht kamen, nahmen sie die in den Jahren zuvor verschärften Asylgesetze nicht zurück. Im Gegenteil: In einem aktuellen Gesetzesvorschlag fordern sie die Einführung von Obergrenzen nicht-westlicher Asylsuchender und Antragszentren außerhalb Europas. Eine Opposition für eine liberalere Asylpolitik gibt es in Dänemark praktisch nicht mehr. Mit ihrem Kurswandel hin zu einem restriktiven Asylsystem wollen die Sozialdemokraten verhindern, dass noch mehr Wähler zur Dänischen Volkspartei abwandern, die zunehmend Unterstützung aus der Arbeiterschicht gewinnt der traditionell sozialdemokratischen Wählerschaft.

Michala Bendixen würde trotzdem nicht sagen, dass es Geflüchteten in Dänemark schlecht geht. »Wir haben immer noch einen guten Zugang zu angemessenen Unterkünften, Ärzten, Essen und Bildung. Wir haben kostenlose Dolmetscher für Asylsuchende und stellen Anwälte zur Verfügung.« Andere EU-Mitgliedstaaten würden Geflüchtete weniger unterstützen. Dennoch, das »hyggelige« Lebensgefühl, das Dänemark auszeichnet, ist in weiten Teilen den dänischen Bürgern vorbehalten. Däne zu sein ist schön, Däne zu werden aber nicht so einfach, wie Michala Bendixen erklärt.

Alle sind gleich, doch die Dänen sind gleicher

»Eine Aufenthaltsgenehmigung und die dänische Staatsbürgerschaft zu bekommen, wird zunehmend schwerer«, erklärt Bendixen. Eine temporäre Aufenthaltserlaubnis beläuft sich zunächst auf maximal 2 Jahre – dann kann eine Verlängerung beantragt werden. Aufenthaltsgenehmigungen für Geflüchtete blieben oft über Jahre befristet, so Bendixen.

Die Ressourcen, die Geflüchtete mitbrächten, würden nicht genutzt, und das, obwohl auch die dänische Gesellschaft altere und Firmen unter Fachkräftemangel litten. Dänemarks Bildungsministerium rechnet zwar bis zum Jahr 2040 mit einem Anstieg bei Universitätsabsolventen um 400.000 Personen – qualifiziertes Personal fehlt aber vor allem in der Fertigungsindustrie.

Statt hier positive Anreize für Migranten zu schaffen, stützt sich die dänische Asylpolitik allerdings zunehmend auf Zwang und Drohungen.

Nicht jeder stimmt zu

Bendixen zufolge wird es zunehmend schwieriger, gegen die politische Stimmung in Dänemark zu kämpfen: »Wir werden immer weniger Menschen, die für Geflüchtete eintreten.« Dabei sei es für diese wichtig zu wissen, dass nicht jeder ein negatives Bild von ihnen habe. Sich konstant als Belastung zu fühlen, setze die Geflüchteten nur noch mehr Stress aus.

»Ich will Probleme und Sorgen nicht ignorieren.«

Stress spüren aber auch die Dänen. Umfragen aus dem Jahr 2016 zufolge ist Migration für 70% der Dänen die größte Sorge. Michala Bendixen versucht, die Zahlen einzuordnen: »Das stimmt nur, wenn man generell von Geflüchteten spricht. Frage einen Dänen auf der Straße, ob er besorgt darüber ist, wie viele Geflüchtete ins Land kommen, und er wird ›ja‹ sagen. Frage ihn dann, ob die Geflüchteten, die er im Supermarkt oder in der Nachbarschaft trifft, ein Problem sind, und er wird dir das Gegenteil erzählen.«

Diesen Widerspruch erlebt man nicht nur in Dänemark. Die Angst vor dem Fremden war entwicklungsgeschichtlich überlebenswichtig. Diese Abwehrhaltung steckt bis heute in uns. Was dagegen hilft? Echte Kontakte mit echten Menschen, um zu verstehen, dass diese Ängste oft unbegründet sind. Während Populisten in Dänemark und anderswo versuchen, Angst zu ihrem Vorteil zu nutzen, versuchen Aktivistinnen wie Michala Bendixen aufzuklären.

Für Geflüchtete seien Begegnungen im Alltag dann auch oft positiv: »Wenn ich mit Geflüchteten spreche, die nach Dänemark kommen, erzählen sie mir meist, wie nett, hilfsbereit und offen die Dänen seien. Jeder kann mir Personen nennen, die für ihn oder sie etwas getan haben.«

Dieser Artikel ist zuerst auf Perspective Daily erschienen.

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