Model European Union Straßburg

Ein Erasmus-Semester in einer Woche

Model European Union Straßburg

Über 200 junge Leute aus 43 Nationen kommen jedes Jahr im Europäischen Parlament in Straßburg zusammen – und probieren eine Woche lang selbst aus, was es heißt, Europapolitik zu machen. Es sind die ersten warmen Tage im Norden Frankreichs. Immer wieder bricht die Sonne durch die Wolkendecke. Kirschbäume stehen in voller Blüte. Der Glaskomplex in der Ferne strahlt förmlich im Sonnenlicht – futuristisch, beeindruckend. Das Luise-Weiss-Gebäude, Hauptsitz des Europäischen Parlamentes in Straßburg. Gerade sind die 751 Abgeordneten zur Sitzung in Brüssel – und dennoch wird im Plenarsaal hitzig diskutiert. Model European Union Straßburg ist zu Gast.

Mehrere hundert junge Menschen aus Europa und darüber hinaus reisen jeden April für eine Woche nach Straßburg. Mit im Gepäck: Krawatte, Hemd, Bluse – und Gesetzestexte. Vor authentischer Kulisse lernen sie den Gesetzgebungsprozess der EU einmal selbst kennen; in der Rolle von Parlamentariern und Ministern, Lobbyisten und Journalisten. Der besondere Clou: Auch die Dolmetscherboxen werden besetzt. Ob Griechisch, Deutsch oder Spanisch – vor allem das Simultandolmetschen während Plenarsitzungen oder Pressekonferenzen sorgen für eine besonders realistische Simulation.

Berufsvorbereitung für Konferenzdolmetscher

Gleichzeitig ist die Konferenz für angehende Dolmetscherinnen und Dolmetscher eine Möglichkeit, ihren zukünftigen Berufsalltag näher kennenzulernen. „Für Dolmetscherstudenten ist es sehr schwierig, in echten Konferenzen üben zu können“, erzählt Lisa Schmit. Die Belgierin steht kurz vor ihrem Abschluss an der Universität Lüttich. „Ich weiß, dass keine wahrhaftigen Entscheidungen getroffen wurden, aber trotzdem gab es echte Debatten. Wir durften die ganze Zeit dolmetschen, wobei man uns auch zuhörte – was so gut wie nie passiert, wenn man Student ist.“ Rund 20 Dolmetscher besetzen die Kabinen während Model European Union Straßburg in diesem Jahr. Wenn Deutsch oder Englisch im Plenarsaal gesprochen wird, muss Lisa dolmetschen – ins Französische, ihre Muttersprache. Aber auch die restliche Zeit verfolgt die 24-Jährige das Geschehen aufmerksam, um die wichtigen Inhalte mitzubekommen und ihre Einsätze nicht zu verpassen. „Es ist interessant zu sehen, wie solche Sitzungen aussehen und auch die Räume betreten zu dürfen, um sich ein besseres Bild von der EU zu machen “, resümiert Lisa. „Aber es ist schade, dass im Parlament nicht alle gesprochen haben und das einige sich nicht richtig vorbereitet hatten – aber so ist es bestimmt auch im echten Parlament.

Model European Union: Von Frankreich bis nach Ägypten

2007 von Studierenden aus Osnabrück zum ersten Mal organisiert, ist die Konferenz im April dieses Jahres die mittlerweile zehnte Ausgabe. Hinter dem Ganzen steht die „Bringing Europeans Together Association“, kurz BETA, als Trägerverein. Gegründet und geführt von jungen Europäern, um die Konferenz sowohl im Europäischen Parlament, als auch in anderen Städten zu vernetzen und zu koordinieren. Denn Model European Union Straßburg ist nicht die einzige Simulation ihrer Art geblieben – von Tallinn über Warschau und Granada bis nach Kairo gibt es mittlerweile Ableger. Zwei Themen werden auf der Konferenz besprochen, jeweils Parallel im Parlament und Rat; 2016 sind es Migration und erneuerbare Energien. Mit den entsprechenden Gesetzestexten der Europäischen Union und verschiedenen Handbüchern zum Ablauf der Konferenz, bereiten sich die Teilnehmer vor Beginn der Simulation in Straßburg schon Zuhause vor: Abgeordnete und Minister schreiben ihre Positionspapiere, Journalisten die ersten Artikel und Dolmetscher lernen die passenden Vokabeln.

Kein Vergleich zu Model United Nations

„Anders als bei den MUNs (Model United Nations, Anm. der Redaktion), hat man nicht nur zehn Leute in einem Zimmer, die sich dann in einer geschlossenen Blase auf einen Text einigen und dann nach Hause gehen und sich feiern. Stattdessen muss man tatsächlich mit einbeziehen, dass der Rat auch noch etwas zu sagen hat, wenn das Parlament etwas entscheidet und umgekehrt“, sagt Max Frey, Präsident von BETA. „Denn sonst wäre das nicht realistisch und man würde nicht lernen, wie das Zusammenspiel der Institutionen wirklich funktioniert.“ 2013 hat Frey als Parlamentarier bei Model European Union Straßburg teilgenommen – und ist dann im Organisationsteam hängen geblieben. Mit einem Bachelor in „Internationale Beziehungen“ und einem Master in „Europastudien“, kümmert er sich nun erstmal Vollzeit um den Ausbau des Vereins in Europa.

„Es geht nicht darum zu sagen, die Linie der Kommission ist die Beste und wir sind kommissionstreu. Stattdessen wollen wir, dass die Leute sich durch praktische Erfahrungen mit der Politik der Europäische Union auseinandersetzen – und akzeptieren, dass auf dieser Ebene, auf der Europäischen, auch Politik gemacht wird.“

Zivilgesellschaft fördern

Wichtig ist ihm zu betonen, dass BETA ein überparteilicher Verein sei. „Das offizielle Ziel des Vereins ist es nicht, eine bestimmte politische Position zu vertreten oder zu verteidigen“, so der 27-Jährige. „Es geht nicht darum zu sagen, die Linie der Kommission ist die Beste und wir sind kommissionstreu. Stattdessen wollen wir, dass die Leute sich durch praktische Erfahrungen mit der Politik der Europäische Union auseinandersetzen – und akzeptieren, dass auf dieser Ebene, auf der Europäischen, auch Politik gemacht wird.“ Wichtigstes Schlagwort: Europäische Zivilgesellschaft. „Als Faktor ist eine Zivilgesellschaft unglaublich wichtig, wenn es darum geht, die Politik im eigenen Land zu beeinflussen“, erklärt Max. „Aber die europäische Ebene wird immer wichtiger und deswegen brauchen wir diese Art Korrektiv, das Engagement seitens der Bürger, auch auf länderübergreifender und parteiübergreifender Ebene.“

Spaß kommt nicht zu kurz

Wenn es draußen langsam dämmert, geht ein weiterer Konferenztag im Luise-Weiss-Gebäude zu Ende – und die Freizeit kann beginnen. Aus 43 Nationen stammen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Da erinnern gemeinsame Abende bei Flammkuchen und elsässischen Wein, Stadtführungen und Partys schnell an ein großes Erasmustreffen. Dass nach Pressekonferenzen, Meetings und Diskussionsrunde die Nächte voll ausgekostet werden, dafür sorgen die Organisatoren. Da kann der Schlaf auch schon mal auf der Strecke bleiben. Dafür ist die Erfahrung einmalig – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wer einmal an Model European Union Straßburg teilgenommen hat, darf (leider) nur noch als Organisator wiederkommen.


Ein paar Zahlen zu MEU Straßburg

– seit 2007 –
6026 Bewerbungen wurden eingereicht
1598 Teilnehmer willkommen geheißen
418 Mal gab es Unterstützung von Abgeordneten, Kommissaren
und Ministern
10.000 Euro und mehr wurden zur Förderung von Jugendlichen
ausgegeben

Dieser Artikel ist zuerst im ScheinWerfer im Oktober 2016 erschienen.

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