Nicht seine erste Flucht

Abdels Geschichte Teil I

Route

Abdel*, 17 Jahre, ist Afghane und lebt in Bremen. Bevor er im März 2015 beschloss aus dem Iran zu fliehen, hatte er bereits zehn Jahre dort gelebt. Abdels Mutter floh mit ihren Kindern vor der Taliban in Afghanistan – doch im Iran leben sie unter einer ständigen Diskriminierung.

Mutter Schiitin, Vater Sunnit

Als Abdel sieben Jahre alt ist, flieht seine Mutter Shahnaz mit ihm und seinen vier Brüdern aus Afghanistan. Abdel ist der Jüngste, seine Erinnerungen an diese Zeit sind gering. Wenn er seine Mutter nach den Gründen der Flucht fragt, erzählt sie vom Konflikt zwischen den verschiedenen fundamentalistischen Gruppen. Und sie erzählt von Abdels Vater: Er ist Sunnit, seine Mutter Schiitin.

Als sie sich kennenlernen, schien das kein Problem, auch wenn es zunächst Schwierigkeiten mit den Familien beider gab – letztendlich akzeptierten sie die Glaubensdifferenzen. Das ist nicht selbstverständlich: Die beiden großen Glaubensrichtungen des Islams entstanden im siebten Jahrhundert über den Streit, wer die rechtmäßige Nachfolge des Propheten Mohammeds und damit der wahre Anführer der Umma – der islamische Gemeinschaft – ist. Diese Glaubensspaltung ist heute noch Kriegsgrund. Sie spielt in Konflikten von Staaten wie Saudi-Arabien, Syrien oder dem Iran immer wieder eine wichtige Rolle.

Einfluss der Taliban

Abdels Vater gerät im Laufe der Zeit jedoch zunehmend unter den Einfluss der streng fundamentalistischen Taliban. Von 1996 bis 2001 beherrschte die Bewegung großteilig Afghanistan und setzt eine strenge Politik durch. Sie richteten beispielsweise eine Religionspolizei nach dem Vorbild Saudi-Arabiens zur Einhaltung von Ge- und Verboten ein und unterstützt Terroristen.

Auch dass Abdels Vater noch eine weitere Frau gehabt habe, habe die Mutter lange Zeit nicht gewusst. Schließlich verlässt sie mit ihren fünf Söhnen Afghanistan. Lediglich ihr Vater – Abdels Opa – weiß von der Flucht in den Iran Bescheid. Der Kontakt zum Vater bricht vollständig ab.

Weiterbildung nur mit iranischer Staatsbürgerschaft

Doch im Iran ist die Situation für Afghan*innen schwierig, die Chancen auf eine gute Zukunft ist für Ausländer*innen wie Abdel und seine Geschwister gering. Abdel beendet die neunte Klasse und möchte eine Ausbildung im IT-Bereich beginnen. Doch stattdessen muss er – wie für alle Afghan*innen vorgesehen – direkt anfangen zu arbeiten. Abdels Geschwister können ebenso wenig studieren, sie müssen arbeiten. Um sich weiterbilden zu können, benötigt man die iranische Staatsbürgerschaft. Der Staat grenze die afghanische Minderheit systematisch aus, es gäbe kaum Wege sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, berichtet Abdeli. Hinzu kommt, dass viele afghanische Geflüchtete aus dem Iran entweder zurück nach Afghanistan oder als Soldaten nach Syrien geschickt werden. „Dann kann man sich seines Lebens nicht mehr sicher sein“, erzählt Abdel.

Abdels Mutter wünscht sich für ihren Jüngsten eine bessere Zukunft. Abdel beschäftigt dieses Thema sehr, er denkt viel über nach und stellt sich Fragen. Er sieht drei Optionen: Die Rückkehr nach Afghanistan, in den Krieg nach Syrien zu ziehen oder nach Europa zu gehen. Ein Cousin seiner Mutter rät ihm von Europa ab. Die Reise dorthin sei zu gefährlich. Aber er eröffnet die Möglichkeit, in die Türkei zu gehen, um dort eine Ausbildung aufzunehmen. Abdel wählt diesen Weg – und wird sich letztendlich doch auf die Reise nach Europa machen.

*Name geändert.

Dieser Artikel erschien zuerst im Online Dossier Flucht & Migration der Politikorange.

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