Immer den Lichtern nach

Abdels Geschichte Teil 2

Lights far away

Bevor der Schlepper von Board springt, zeigt er Abdel* die Richtung – dorthin soll er das Boot steuern. Über 40 andere Passagiere sitzen mit in dem Schlauchboot, das an diesem Abend vor Istanbul ablegt. Abdel, der Kapitän, ist 17 Jahre alt und Afghane. Mit sieben floh er mit seiner Familie schon einmal, von Afghanistan in den Iran. Anfang 2015 beschloss er, den Iran zu verlassen und versuchte, in der Türkei zu leben, bevor er sich auf den Weg nach Deutschland machte. Es ist Abdels Geschichte Teil 2.

Mit dem Taxi und im LKW in die Freiheit?

Abdels Weg nach Europa beginnt am Azadi Platz in Teheran, der Hauptstadt des Irans. Azadi ist persisch für Freiheit. Als der Cousin seiner Mutter ihm die Abfahrt organisiert, muss alles ganz schnell gehen: Seine Reise beginnt im Taxi. „Busfahren ist wegen der iranischen Polizei zu gefährlich“, sagt er. Dann wechselt er in einen LKW. Mit vierzig anderen sitzt Abdel auf der Ladefläche und hat Angst, dass der LKW umkippt: „So schräg lag der LKW manchmal.“ In einem Dorf müssen sie aussteigen und den Rest des Weges laufen.

Immer wieder orientiert Abdel sich auf seinem Weg an den Lichtern am Horizont: Dort warte oft seine nächste Etappe. Diesmal scheinen die Lichter nah – doch Abdel täuscht sich. Vier bis fünf Stunden läuft er durch die Berge im Nord-Westen des Irans, zum türkischen Grenzübergang. Dort trifft er auf eine Gruppe Schäfer, die vor Minen an der Grenze warnen und Hilfe anbieten. „In Wirklichkeit waren sie Teil einer Schlepperbande, die sich getarnt an der Grenzregion aufhält“, erklärt Abdel. Von einem Dorf fährt Abdel schließlich mit Bussen weiter Richtung Ankara – zu einem der vielen Bekannten, die ihn auf seinem Weg unterstützen.

Als Fabrikarbeiter

In Ankara versucht Abdel sich in einem Büro der Vereinten Nationen registrieren zu lassen. Er wird in die nächste Stadt, nach Burdur, weitergeleitet und wieder vertröstet: Er solle in einigen Monaten wiederkommen. Mittlerweile ist Abdel wieder alleine und hat kaum noch Geld. Die nächsten Tage schläft er auf einer Bank, bis er den Verwandten seiner Mutter anruft und ihn nach Istanbul holt. Dort kann Abdel mit in dem Textilbetrieb arbeiten, in dem der Cousin eine gute Position innehält. Kurz nachdem der Cousin eine Woche später Istanbul verlässt, verliert Abdel seinen Job. Eine Unterkunft hat er bei Freunden. Über einen Monat sucht er vergeblich nach neuer Arbeit. Schließlich lernt Abdel einen jungen Mann kennen, der Stellen vermittelt und ihm anbietet für 200 türkische Lira, umgerechnet rund 62 Euro, als Schäfer an der bulgarischen Grenze zu arbeiten.

Auf den Farmen

Seine Bleibe auf der Schaf- und Ziegenfarm ist heruntergekommen. Jeden Tag muss Abdel von sechs Uhr morgens bis Mitternacht arbeiten: Tiere hüten und dafür sorgen, dass man sie melkt. „Er hielt uns wie Sklaven“, sagt Abdel über den Besitzer der Farm. Nach drei Wochen kündigt Abdel. Sein Vermittler sucht ihm eine neue Stelle, dieses Mal auf einer Hühnerfarm. Die Arbeitsbedingungen sind besser. Er füllt Futtermaschinen und kontrolliert die Vorgänge. Einmal versucht er eine leere Schale aufzufüllen, dabei bricht er sich einen Finger. Abdel muss seine Arbeit aufgeben, denn auf dem Hof gibt es keine Verbandsmaterialien und ihn zum Arzt zu schicken sei seinem Arbeitgeber zu gefährlich.

Überfahrt nach Europa

Zurück in Istanbul muss Abdel eine Entscheidung treffen. „Ich war bereits am Überlegen, ob ich zurück in den Iran kehren sollte“, erinnert er sich. Dann erhält er einen Anruf eines Bekannten. Ob er ein Boot fahren könne, schwer sei es nicht und es wäre umsonst. Abdel entscheidet sich dafür. Vor der Überfahrt gibt ihm einer der Schlepper ein Messer. Damit soll er das Gummiboot zerstören, sobald sie anlegen. Denn ohne Boot könne die griechische Polizei auch niemanden wieder zurück in die Türkei schicken, sagt er. „Ich war unsicher beim Fahren. Doch einer der Passagiere half mir und zeigte mir einen Orientierungspunkt in der Ferne,“ erzählt Abdel. Einmal passiert ein Schiff das Schlauchboot und alles läuft voll Wasser. Schnell schöpfen alle gemeinsam das Boot leer. „Sonst wären wir untergegangen,“ sagt Abdel. Drei Stunden sind sie unterwegs, dann erreichen sie das griechische Lesbos.

Als Gepäckträger

Abdel ist sich sicher, dass jetzt alles schnell gehe und er sich registrieren könne. Das Camp der Vereinten Nationen ist zwei Tage Fußweg entfernt. Aufgrund einer Verwechslung nimmt jedoch jemand anderes seinen Platz ein, Abdel muss draußen bleiben – außerhalb des Camps. Zusammen mit einer Gruppe neuer Freunde reist er weiter nach Athen. Zum ersten Mal seit langem kann er sich ein paar Tage erholen. Danach geht es für ihn nach Mazedonien. Dort trifft er im Zug einen alten Mann, mit dem er eine Abmachung trifft: Bis zum Ende der gemeinsamen Reise trägt Abdel sein Gepäck, dafür stelle der Mann Abdel als seinen Sohn vor. Als Familie sei es leichter zu reisen.

Über die serbische Hauptstadt fahren sie weiter bis nach Ungarn. Er registriert sich nicht. In Budapest trennen sich Abdel und sein Weggefährte. Für seine letzten Euro besorgt Abdel sich ein Ticket nach Wien. Dort angekommen, setzt ihn die Polizei in einen Zug nach München. Viele Geflüchtete sind gemeinsam mit ihm unterwegs. Freudig werden sie am Hauptbahnhof empfange. „Ich musste fast weinen“, sagt Abdel, „Eine sehr nette Frau gab mir eine Sim-Karte. Die nutze ich immer noch.“ Sofort ruft er seine Mutter im Iran an. Danach meldet er sich bei seinem Bruder, der in Bremen lebt. Er holt ihn in München ab.

In Bremen

Seit seiner Ankunft in Bremen hat Abdel in verschiedenen Unterbringungen geschlafen und versucht Teil der Gesellschaft zu werden: „Direkt in meiner ersten Unterkunft, einer Turnhalle, habe ich angefangen Deutsch zu lernen.“ Für ein Praktikum wird Abdel an einen Bremer IT-Unternehmen vermittelt. Einen Status hat Abdel jedoch noch nicht, nur eine Krankenversicherungskarte. „Ich war sehr froh, als ich hier endlich angekommen bin und dachte, der Stress sei jetzt vorbei,“ sagt er. Aber seine Zukunft ist ungewiss. Nachts plagen ihn Albträume und Ängste, dass er eines Tages wieder im Iran oder in Afghanistan aufwache. „Aber wie soll ich in ein Land zurückkehren, von dem ich nicht weiß, ob ich wieder Zuhause ankomme, wenn ich vor die Tür gehe?“

* Name geändert

Dieser Artikel erschien zuerst im Online Dossier Flucht & Migration der Politikorange.

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