Ein Professor im Europäischen Parlament

Zwischen Bremen, Brüssel und Warschau

Professor im Europäischen Parlament

Zwischen dem 22. und 25. Mai 2014 wählten die Bürger der Europäischen Union das achte Europäische Parlament. Eines der Mandate trägt die nächsten fünf Jahre der Bremer Soziologie Professor Dr. Zdzislaw Krasnodebski. In seinem Heimatland Polen trat er für die Partei Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS), zu Deutsch Recht und Gerechtigkeit, an. Dabei schnitt die nationalkonservative Partei als zweitstärkste Kraft des Landes ab und stellt in der kommenden Legislaturperiode mehr als ein Drittel der polnischen Abgeordneten. In einem Gespräch Mitte Juni erzählte er dem Scheinwerfer, was es bedeutet Professor im Europäischen Parlament zu sein: von seinem neuen Alltag, politischen Plänen und seiner Zukunft an der Universität.

Zdzislaw Krasnodebski
Prof. Dr. Zdzislaw Krasnodebski

Um die 2.500 Kilometer Luftlinie trennen die vier Orte, die zukünftig den Arbeitsalltag von Prof. Dr. Krasnodebski prägen. Brüssel, Straßburg und Warschau wird der 61-Jährige nach der konstituierenden Sitzung des Parlaments im Juli regelmäßig ansteuern. Der Scheinwerfer fragte nach, wie der Professor im Europäischen Parlament plant, diese Orte mit seinem Wohnort Bremen zu verknüpfen. „Ich muss mehr pendeln, als ich es bisher gemacht habe. Bis jetzt war ich sehr oft in Warschau. Ich muss auch immer noch dorthin, weil in Warschau mein Wahlbezirk ist, nur nicht mehr jede Woche. Sollte ich in Bremen wohnen bleiben, muss ich natürlich von hier aus nach Brüssel und Straßburg reisen“, erzählte er.

Wie genau sein neuer Terminplan aussieht, hänge davon ab, wie sich seine Beziehung zur Uni entwickle. „Sollte es möglich sein, möchte ich meine akademische Tätigkeit fortsetzen. Vielleicht in veränderter Form. Dann muss ich natürlich mobil sein. Wenn es sich nicht realisieren lässt, muss ich überlegen, was ich dann mache. Ich wohne sehr gerne in Bremen, es ist eine sehr schöne Stadt und mir gefällt meine Tätigkeit hier an der Uni.“

Verbindung von Professur und Mandat

Weiterhin erzählt Prof. Dr. Krasnodebski, dass er sich bereits informiert habe und sich die beiden Tätigkeiten, zumindest zeitlich gesehen, verbinden ließen. Die meisten Sitzungen im Europäischen Parlament seien Mitte der Woche und so könne er eventuell Montag und Freitag für die Lehre nutzen. „Ich weiß nur noch nicht, wie es formal gesehen wird. In Polen ist es kein Problem, ein Mandat mit einer Professur zu verbinden. Ich habe einige Kollegen im Parlament, die auch lehren. Und auch auf der Seite des Europäischen Parlaments gibt es eigentlich keine Regelung, die dagegen spreche. Es gibt einige Tätigkeiten, die man nicht mehr ausüben kann, aber die Professur gehört glücklicherweise nicht dazu.“ Funktionen, die sich nicht mit einem Mandat im Europäischen Parlament vereinbaren lassen, sind zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Nationalen Parlament eines Mitgliedstaates der EU oder Tätigkeiten am Europäischen Gerichtshof. Diese müssen dann vor Aufnahme der Position im Parlament niedergelegt werden.

Politik machen mit der Afd

Vieles muss für die achte Legislaturperiode noch organisiert werden: So habe sich bereits die politische Gruppe konstituiert, aber man müsse beispielsweise noch die Komitees wählen, denen man angehören möchte und viele bürokratische Dinge regeln. Die meisten Sachen seien bis zum ersten Juli geklärt, bis auf einige Mitarbeiterfragen, so Prof. Dr. Krasnodebski. 2009 beteiligte sich die PiS, unter anderem mit der Britischen Conservative Party, an der Gründung einer Europapartei und der zugehörigen Fraktion Europäische Konservative und Reformisten (EKR). Dieser gehört nach der im Mai stattgefundenen Europawahl auch die Partei Alternative für Deutschland (AfD) an. Die AfD vertritt eine stark eurokritische Position und weise laut einigen politischen Kommentaren und Analysen auch rechtspopulistische Fragmente auf. So kam 2013 beispielsweise ein Rechtspopulismusforscher der FH Düsseldorf in einer Studie für die Heinrich-Böll-Stiftung in Nordrhein-Westfalen zum Ergebnis, dass die Partei Tendenzen zum Rechtspopulismus zeige.

Krasnodebskis politische Ziele

Mit 70 Abgeordneten aus 15 Mitgliedstaaten stellt die Fraktion EKR die drittgrößte Kraft im Europäischen Parlament. Sie vertritt, wie in ihren politischen Leitlinien zu lesen ist, einen Eurorealismus und spricht sich gegen eine fortschreitende europäische Integration und einen möglichen europäischen Föderalstaat aus. Welche Ziele der Professor im Europäischen Parlament für seine Partei verfolgt, hänge davon ab, zu welchem Komitee er letztendlich gehöre. „Ich werde definitiv das Komitee Kultur und Bildung im Auge behalten. Das verbindet sich mit meinen Interessen, die auch teilweise im Studiengang Integrierte Europastudien vertreten sind. Das ist Geschichts- und Erinnerungspolitik. Dabei geht es um die kulturelle Identität Europas, um die kulturelle Vielfalt und die nationalen Identitäten. Das werde ich vielleicht fortsetzen. Und es ist auch so, dass von meinen Wählern in Warschau verlangt wird, dass ich die polnische Sichtweise, die Vergangenheit aber auch die Gegenwart Europas und besonders Ostmitteleuropas, auf EU-Ebene sichtbar mache“, erklärt uns der Soziologie-Professor. Weiterhin sei auch die Frage wichtig, wohin sich die Europäische Union entwickeln werde. „Ich stehe der Vorstellung sehr kritisch gegenüber, dass sich Europa hin zu einem Staat entwickeln soll. Vielleicht unterschätzt man es in Deutschland manchmal, aber für Polen und viele andere Nation ist die Nationalstaatlichkeit sehr wichtig.“

Neben den kulturellen Aspekten, muss der Professor im Europäischen Parlament sich auch mit politischen Problemen beschäftigen, wie der Krise in der Ukraine oder Ungleichgewichte in der Energiepolitik. „Es gibt natürlich auch klassische Themen, mit denen sich jeder polnische Europaabgeordnete auseinander setzen muss, wie zum Beispiel Agrarpolitik. Das Thema ist natürlich nicht meine Spezialität. Generell aber, habe ich den Eindruck, dass es viele Missverständnisse und Kommunikationsbarrieren auf Ebene der europäischen öffentlichen Sphäre gibt. Es gibt viele Probleme in wirtschaftlich schwächeren Ländern, aber die Massenmedien vermitteln sie nicht so, dass man es auch versteht. Daran würde ich auch gerne mitwirken, dass diese Kommunikation besser läuft. Und auch dass die Interessen dieser Länder besser vertreten werden“.

“Ich weiß nicht, ob drei Jahre für den Bachelor nicht zu kurz sind”

Als letzten Punkt fragte der Scheinwerfer nach, ob und mit welchen bildungspolitischen Zielen der Wahl-Bremer nach Brüssel geht. „Ich, genau wie jeder Hochschulprofessor, bin natürlich Unterstützer von europäischen Austauschprogrammen. Es gibt gewisse Probleme das umzusetzen, häufig kommen Klagen über zu viel Bürokratie. Vielleicht kann man hier Lösungen finden. Und weiterhin muss man natürlich schauen, ob im Bologna Prozess wirklich alles geklappt hat. Wie Sie wissen, wird das System stark kritisiert. Es gibt natürlich gewisse Vorzüge. Aber ich weiß nicht, ob drei Jahre für den Bachelor nicht zu kurz sind. Aber das sind die Probleme, mit denen ich mich beschäftigen werde. Welche Frage auch immer wieder aufkommt und im Zusammenhang mit Bildung steht, ist die Situation von jungen Menschen in Europa. Ich habe dazu noch keine feste Meinung oder Lösungen parat. Die Situation außerhalb Kerneuropas wird immer dramatischer und da ist ergibt sich dann die Frage, ob man durch eine andere Bildungspolitik die Probleme zumindest vermindern kann. In Polen und auch in anderen ostmitteleuropäischen Ländern hat man viele Möglichkeiten zum Studieren eröffnet, ohne sich groß Gedanken zu machen, was die Leute danach machen werden. Diese große demographische Krise muss definitiv von der EU behandelt werden.“ Nach den ersten Plenarsitzungen im Juli, befinden sich die Mitglieder des Europäischen Parlaments erst einmal bis September in einer Sommerpause. Im Verlauf der nächsten Monate werden sich noch viele Unklarheiten bezüglich Prof. Dr. Krasnodebskis Zukunft klären – sowohl politisch als auch akademisch.


Zdzislaw Krasnodebski

geboren 1953 in Choszszno, Polen
1972-1976 Studium der Soziologie und Philosophie, Universität Warschau
1976 M.A. In Soziologie, Universität Warschau
1979-1981 Studium der Philosophie und Soziologische Theorien, Rhur-Universität Bochum
1984 Ph.D. In Soziologie, Universität Warschau
1991 Habilitation, Universität Warschau
Lehrt derzeit in den Integrierte Europastudien u.A. Soziologische
Theorien sowie Länder- und Areastudies: Ostmitteleuropa
Seit 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments für die
Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS)


Foto: Zdzislaw Krasnodebski

Grafik: Ulrike Bausch, Quelle: Europäisches Parlament

Dieser Artikel ist zuerst im ScheinWerfer im Juni 2014 erschienen.

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